
Die Kleinen Antillen sind ein vulkanischer Inselbogen: Die Atlantische Platte taucht unter die Karibische Platte ab, und in der Tiefe entsteht Magma. Das Smithsonian Global Volcanism Program führt auf dem Bogen 16 Vulkane mit Ausbrüchen im Holozän. Zwei stehen heute unter erhöhter Beobachtung, einer liegt vollständig unter Wasser.
Warnstufen ändern sich. Jede Angabe auf dieser Seite trägt deshalb das Datum, an dem sie bei der zuständigen Beobachtungsstelle nachgeschlagen wurde — Stand 11. September 2026. Wer eine Wanderung plant, liest das aktuelle Bulletin, nicht diese Seite.
Welche Vulkane des Bogens sind aktiv — und in welchem Zustand?¶
| Vulkan | Insel | Höhe (GVP) | Letzter Ausbruch | Warnstufe, Stand 11.09.2026 |
|---|---|---|---|---|
| Montagne Pelée | Martinique | 1.372 m | 1929–1932 | Gelb (Wachsamkeit) seit 4. Dezember 2020; OVSM-Bulletin vom 4. September 2026 |
| Soufrière Hills | Montserrat | 915 m | 2005–2013 | Gefahrenstufe 1 auf der Skala 0–5; MVO-Wochenbericht für den Zeitraum 4. bis 11. September 2026 |
| La Soufrière | Guadeloupe, Basse-Terre | 1.467 m | 1976–1977 (phreatisch) | Gelb (Wachsamkeit); OVSG-Monatsbulletin Juli 2026, veröffentlicht am 1. August 2026 |
| La Soufrière | St. Vincent | 1.220 m | Dezember 2020 – April 2021 | Grün seit 16. März 2022; vom UWI Seismic Research Centre am 11. September 2026 weiterhin so geführt |
| Kick ’em Jenny | unterseeisch, rund 8 km vor Grenada | Gipfel 185 m unter dem Meeresspiegel | 29. April 2017 | Gelb — dauerhaft, mit Sperrzone für Schiffe |
Die Höhenangaben stammen durchgehend aus dem Global Volcanism Program, damit die Zeilen untereinander vergleichbar bleiben. Nationale Landesvermessungen kommen teils auf andere Werte: Das französische IGN führt die Montagne Pelée mit 1.397 Metern, das GVP mit 1.372. Beide Angaben sind belegt — sie beruhen auf unterschiedlichen Messungen und Gipfeldefinitionen.
Die übrigen elf Holozän-Vulkane — Mount Scenery auf Saba, The Quill, Mount Liamuiga, Nevis Peak, fünf Zentren auf Dominica, Qualibou auf St. Lucia und Mount St. Catherine — gelten als ruhend. Ruhend heißt nicht erloschen: Auf Dominica gab es 1880 und 1997 kleine Dampfexplosionen.
Warum liegen die Vulkane der Karibik auf einer Linie?¶
Weil sie über einer Subduktionszone stehen. Östlich der Kleinen Antillen schiebt sich die Atlantische Platte mit wenigen Zentimetern im Jahr unter die Karibische Platte. In etwa hundert Kilometern Tiefe gibt die abtauchende Platte Wasser ab, das Gestein im darüberliegenden Erdmantel zum Schmelzen bringt. Das Magma steigt auf und tritt an der Oberfläche in einer Reihe aus, die parallel zum Graben verläuft — diese Reihe ist der Inselbogen.
Daraus folgt auch, welche Inseln nicht dazugehören. Die Kleinen Antillen bestehen aus zwei Bögen: einem inneren, jungen Vulkanbogen von Saba bis Grenada und einem äußeren, längst erloschenen, den Kalkstein überdeckt. Anguilla, St. Martin, St. Barthélemy, Antigua und Barbuda liegen auf dem äußeren Bogen und tragen keinen Holozän-Vulkan. Barbados ist überhaupt kein Vulkan, sondern der herausgehobene Gipfel des Akkretionskeils; Aruba, Bonaire und Curaçao liegen vor Südamerika. Die Karte dazu steht auf der Seite Die Antillen in Karten, die Bogen, Plattengrenze und alle 16 Vulkane aus den Daten des Global Volcanism Program zeichnet.
Was geschah 1902 auf Martinique?¶
Am Morgen des 8. Mai 1902 riss eine Glutwolke aus der Montagne Pelée in wenigen Minuten die Stadt Saint-Pierre nieder. Saint-Pierre war die größte Stadt der Insel. Die Schätzungen der Opferzahl gehen auseinander und liegen zwischen rund 28.000 und 30.000 Menschen; eine belastbare Zählung gab es nie, weil die Verwaltung mit unterging. Aus der Stadt selbst überlebten nur sehr wenige Menschen — am bekanntesten ist ein Gefangener, den eine halb unterirdische Arrestzelle schützte.
Der Ausbruch wurde zum Lehrbuchfall. Was die Stadt zerstörte, war kein Lavastrom, sondern ein pyroklastischer Strom: eine Wolke aus heißem Gas, Asche und Gesteinsbruch, die mit mehreren hundert Stundenkilometern hangabwärts fließt und alles auf ihrem Weg verbrennt. Die französische Bezeichnung nuée ardente stammt von hier, und das Smithsonian Global Volcanism Program führt 1902 als Typusbeispiel der „peléeanischen“ Ausbrüche. Die Ruinen von Saint-Pierre stehen bis heute, und seit dem 16. September 2023 sind die Vulkane und Wälder der Montagne Pelée und der Pitons du Nord UNESCO-Welterbe. Mehr zur Insel steht auf der Seite über Martinique.

Wie geht es der Montagne Pelée heute?¶
Sie ist wach, aber nicht kurz vor einem Ausbruch. Das Observatoire volcanologique et sismologique de Martinique (OVSM-IPGP) hat die Warnstufe am 4. Dezember 2020 von Grün auf Gelb = Wachsamkeit angehoben, die zweite von vier Stufen; dort steht sie seither. Seit Mai 2026 misst das Observatorium im Gipfelbereich Bodenbewegungen im Zentimeterbereich, in den vier Wochen bis zum 4. September 2026 höchstens rund 0,6 Zentimeter im Monat und damit leicht rückläufig gegenüber dem Vormonat. Die Deutung des Observatoriums: eine sich aufblähende Druckquelle in etwa einem Kilometer Tiefe unter dem Gipfel.
Im Wochenbericht vom 4. September 2026 heißt es, die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs sei kurzfristig weiterhin gering — eine Veränderung der Lage über Wochen bis Monate lasse sich jedoch nicht ausschließen. Praktisch heißt Gelb: Der Berg wird beobachtet und wöchentlich öffentlich berichtet, Wandern ist erlaubt, Evakuierungen gibt es keine.
Warum ist Plymouth auf Montserrat eine verlassene Stadt?¶
Weil die Soufrière Hills sie unter Asche und Gesteinsschutt begraben haben. Vor 1995 war auf Montserrat kein Ausbruch verzeichnet. Am 18. Juli 1995 begannen Dampfexplosionen, im November 1995 erreichte Magma die Oberfläche und wuchs zu einem Lavadom. Was folgte, hat die Chronologie des Montserrat Volcano Observatory festgehalten: Am 25. Juni 1997 brach ein Teil des Doms ab, pyroklastische Ströme liefen bis auf fünfzig Meter an den Flughafen heran, 19 Menschen starben. Am 3. August 1997 gingen pyroklastische Ströme mitten durch Plymouth und setzten Gebäude in Brand; am 26. Dezember verwüstete eine Druckwelle zehn Quadratkilometer im Süden der Insel.
Plymouth ist bis heute de jure Hauptstadt eines britischen Überseegebiets — und unbewohnbar. Der letzte Ausbruch endete laut Global Volcanism Program im Februar 2013. Der MVO-Wochenbericht für den Zeitraum vom 4. bis 11. September 2026 nennt Gefahrenstufe 1 auf einer Skala von 0 bis 5: kein öffentlicher Zutritt zur Zone V einschließlich Plymouth, die Seegebiete E und W nur bei Tageslicht und ohne Halt zu durchfahren. Mehr dazu auf der Seite über Montserrat.

Ist La Soufrière auf St. Vincent noch gefährlich?¶
Derzeit nicht. Der Ausbruch von 2020/21 ist der jüngste des ganzen Bogens: Am 29. Dezember 2020 begann ein Lavadom zu wachsen, am 9. April 2021 schlug die Tätigkeit in heftige Explosionen um, die bis zum 22. April andauerten. Zehntausende Menschen im Norden der Insel mussten ihre Häuser verlassen, Asche fiel über die halbe Insel und bis nach Barbados. Die Warnstufe wurde danach schrittweise zurückgenommen — am 7. Mai 2021 auf Orange, am 15. September 2021 auf Gelb und am 16. März 2022 auf Grün, wo das UWI Seismic Research Centre sie am 11. September 2026 weiterhin führt. Dasselbe Merkblatt rät jedoch nach wie vor davon ab, den Vulkan zu besteigen: Der Pfad gilt als instabil. Die Insel selbst beschreibt die Seite über St. Vincent und die Grenadinen.

Was ist Kick ’em Jenny — und warum betrifft er Schiffe statt Wanderer?¶
Weil er unter Wasser liegt. Kick ’em Jenny ist ein unterseeischer Vulkan rund acht Kilometer nördlich von Grenada. Sein Gipfel liegt nach den Daten des Global Volcanism Program etwa 185 Meter unter der Meeresoberfläche; für den Kraterboden nennt das UWI Seismic Research Centre 268 Meter. Er ist der aktivste Vulkan der Region: Seit dem ersten beobachteten Ausbruch 1939 sind über ein Dutzend Ereignisse verzeichnet, die meisten nur über Unterwassermikrofone. Der bislang letzte fällt auf den 29. April 2017.
Die Gefahr für Schiffe hat zwei Gründe. Ausbrüche können glühende Gesteinsbrocken durch die Wassersäule schleudern, und schon zwischen den Ausbrüchen steigen Gasblasen auf, die die Dichte des Wassers senken — ein Boot verliert dort Auftrieb. Das UWI Seismic Research Centre weist deshalb dauerhaft eine Sperrzone von 1,5 Kilometern um den Gipfel aus. Einen Tsunami hält das Zentrum bei der heutigen Gipfeltiefe für unwahrscheinlich.
Kann man die Vulkane der Antillen besteigen?¶
Die meisten ja — die Kleinen Antillen sind für Wanderer lohnender als ihr Ruf als Strandregion. Guadeloupes La Soufrière lässt sich vom Col de l’Échelle in gut einer Stunde erreichen. Auf St. Lucia fährt man an den Schwefelquellen von Sulphur Springs praktisch vor, und Mount Liamuiga auf St. Kitts, The Quill auf Sint Eustatius und Mount Scenery auf Saba sind Tagestouren.

Drei Dinge gelten überall. In Kratern und Mulden sammelt sich schweres, geruchloses Kohlendioxid — wo abgesperrt ist, gibt es dafür einen Grund. Für Dominicas Boiling Lake ist eine Führung vorgeschrieben, und der Weg durch das Valley of Desolation ist mit acht Stunden kein Spaziergang. Und wer im Gipfelbereich der Pelée, der Soufrière Hills oder einer der beiden Soufrières unterwegs sein will, liest vorher das Bulletin der zuständigen Stelle.
Warum steht hinter jeder Warnstufe ein Datum?¶
Weil es keine gemeinsame Skala gibt und weil die Stufen sich ändern. Die französischen Inseln benutzen ein Vier-Farben-System der Präfektur: vert, jaune (Wachsamkeit), orange (Voralarm), rouge (Alarm). In der englischsprachigen Ostkaribik setzt das UWI Seismic Research Centre Grün, Gelb, Orange und Rot. Montserrat hat als einzige Insel eine Gefahrenstufenskala von 0 bis 5, die nicht Farben, sondern Zugangsrechte zu benannten Zonen regelt.
| System | Gilt für | Stufen | Zuständig |
|---|---|---|---|
| Vier Farben der Präfektur | Martinique, Guadeloupe | vert · jaune (Wachsamkeit) · orange (Voralarm) · rouge (Alarm) | OVSM-IPGP beziehungsweise OVSG-IPGP |
| Vier Farben der Ostkaribik | St. Vincent, Grenada und die übrigen englischsprachigen Inseln | Grün · Gelb · Orange · Rot | UWI Seismic Research Centre |
| Gefahrenstufen 0–5 | nur Montserrat | sechs Stufen, die den Zutritt zu benannten Zonen regeln — keine Farben | Montserrat Volcano Observatory |
Die Zeilen lassen sich nicht ineinander umrechnen: „Gelb“ bedeutet auf drei Inseln drei verschiedene Dinge, und eine Seite, die „derzeit gelb“ ohne Datum schreibt, veraltet unsichtbar. Die Stellen, die den Bogen überwachen, stehen im Quellenblock — sie sind die einzige verbindliche Auskunft. Wie dieselbe Geologie die Landschaft darüber prägt, steht auf den Seiten über Regenwald und Nebelwald, über die Strände der Antillen, deren Sandfarbe von diesem Gestein abhängt, und über die Tierwelt der Antillen, die auf jungen Vulkaninseln eine andere ist als auf altem Kalkstein. Den Überblick gibt die Seite Natur der Antillen.
Quellen und weiterführende Informationen¶
- Smithsonian Institution — Global Volcanism Program: Katalog der Holozän-Vulkane, Ausbruchschronologien und Gipfelhöhen für alle 16 Vulkane des Bogens
- Observatoire volcanologique et sismologique de Martinique (OVSM-IPGP): Wochenberichte und Monatsbulletins zur Montagne Pelée, mit der Warnstufenskala der Präfektur
- Montserrat Volcano Observatory: Wochenberichte, Gefahrenstufensystem und die Chronologie des Ausbruchs seit 1995
- The UWI Seismic Research Centre: zuständig für die englischsprachige Ostkaribik — La Soufrière St. Vincent, Kick ’em Jenny und die Sperrzone für Schiffe
- Observatoire volcanologique et sismologique de Guadeloupe (OVSG-IPGP): Monatsbulletins zu La Soufrière de la Guadeloupe
Quizfrage
Einer der 16 Holozän-Vulkane der Kleinen Antillen ist von Land aus überhaupt nicht zu sehen. Welcher?
Ein Versuch. Richtig heißt eine Kokosnuss — zehn davon sind eine Piña Colada.