
Auf den Antillen werden vier europäische Amtssprachen gesprochen — Spanisch, Englisch, Französisch und Niederländisch —, und darüber liegt eine zweite Schicht aus eigenständigen Kreolsprachen. Wer Englisch oder Spanisch kann, kommt fast überall zurecht; auf den ABC-Inseln begegnet Ihnen mit Papiamentu eine Sprache, die es sonst nirgends gibt.
| Insel / Land | Amtssprache | Alltagssprache daneben |
|---|---|---|
| Kuba, Dominikanische Republik | Spanisch | — |
| Puerto Rico | Spanisch und Englisch | Spanisch überwiegt deutlich |
| Haiti | Französisch und Kreyòl | Haitianisch-Kreyòl |
| Jamaika | Englisch | Jamaican Patois (Patwa) |
| Kaimaninseln, Barbados, Antigua und Barbuda, St. Kitts und Nevis, Anguilla, Montserrat, Grenada, St. Vincent und die Grenadinen | Englisch | englisch-basierte Kreolsprachen |
| Trinidad und Tobago | Englisch | trinidadisches Kreol; dazu ein Erbe aus Hindi und Bhojpuri |
| Dominica, St. Lucia | Englisch und Kwéyòl | Kwéyòl — französisch-basiert, auf englischsprachigen Inseln |
| Guadeloupe, Martinique, St. Barthélemy | Französisch | antillanisches Kreol (kréyòl) |
| St. Martin / Sint Maarten | Französisch / Niederländisch und Englisch | Englisch auf beiden Seiten |
| Aruba | Niederländisch und Papiamento | Papiamento |
| Curaçao | Niederländisch, Papiamentu, Englisch | Papiamentu |
| Bonaire | Niederländisch und Papiamentu | Papiamentu |
| Saba, Sint Eustatius | Niederländisch und Englisch | Englisch |
Warum ist die Sprachkarte der Antillen die Landkarte der Kolonialzeit?¶
Weil sie es fast eins zu eins ist. Spanisch steht dort, wo Spanien seine großen Inseln behielt: Kuba, die Dominikanische Republik, Puerto Rico. Englisch steht dort, wo Großbritannien im 17. und 18. Jahrhundert Zuckerkolonien anlegte oder später erwarb — von den Kaimaninseln über Jamaika bis in den ganzen östlichen Bogen. Französisch blieb in den Départements Guadeloupe und Martinique sowie in Haiti, Niederländisch auf sechs Inseln des Königreichs.
Zwei Inseln zeigen, dass die Karte trotzdem nicht sauber ist. Dominica und St. Lucia sind heute englischsprachige Staaten, aber ihre Kreolsprache ist französisch-basiert: Beide Inseln wechselten im 18. Jahrhundert mehrfach den Besitzer, und die Sprache der Bevölkerung folgte dem Kriegsglück der Kronen nicht. Deshalb heißt es dort Kwéyòl, und deshalb heißt der Berg auf St. Lucia Gros Piton und nicht Big Peak.

Wie es zu diesen Besitzwechseln kam, steht unter Kolonialzeit und Zuckerrohr.
Was ist eine Kreolsprache — und ist sie ein „schlechtes Französisch“?¶
Nein, und das ist der wichtigste Satz dieser Seite. Kreolsprachen sind vollwertige Sprachen mit eigener Grammatik, eigenem Lautsystem und eigener Literatur. Sie entstanden auf den Plantagen, wo Menschen aus vielen verschiedenen westafrikanischen Sprachgemeinschaften zusammengezwungen wurden und eine gemeinsame Verständigung brauchen mussten — der Sklavenhandel hat die Sprecher verschiedener Sprachen dabei absichtlich gemischt. Den Wortschatz lieferte überwiegend die Sprache der Kolonialherren; der grammatische Bau folgt anderen Regeln. Wer im haitianischen mwen te wè nur ein verunglücktes „moi, j’ai vu“ hört, hat die Sprache nicht verstanden: Zeit wird hier durch ein eigenes Wort vor dem Verb ausgedrückt, nicht durch Beugung.
Im Inselbogen liegen drei Familien nebeneinander. Die französisch-basierte reicht von Haiti über Guadeloupe, Martinique und St. Barthélemy bis nach Dominica und St. Lucia; ihre Sprecher verstehen einander über die Inselgrenzen hinweg weitgehend. Die englisch-basierte umfasst Jamaican Patois, das barbadische Bajan, das trinidadische Kreol und die Varietäten der kleinen östlichen Inseln. Und dann gibt es das iberisch-basierte Papiamentu der ABC-Inseln, das in keine der beiden Gruppen passt. Eine vierte Sprache dieser Region ist ganz verschwunden: Das niederländisch-basierte Kreol der Jungferninseln ist im 20. Jahrhundert ausgestorben.
Wie unterschiedlich die drei Familien klingen, zeigt sich schneller an Beispielen als an Erklärungen:
| Sprache | Grundlage | Wo gesprochen | Ein Satz | Was er heißt |
|---|---|---|---|---|
| Haitianisch-Kreyòl | französisch | Haiti | bonjou / bonswa | guten Tag / guten Abend |
| Haitianisch-Kreyòl | französisch | Haiti | mwen te wè | ich habe gesehen — die Zeit steht als eigenes Wort te vor dem Verb, nicht in der Beugung |
| Antillanisches Kreol, Kwéyòl | französisch | Guadeloupe, Martinique, Dominica, St. Lucia | sa ka fèt? | was läuft? — die übliche Begrüßung unter Bekannten |
| Jamaican Patois (Patwa) | englisch | Jamaika | wa gwaan? | was geht? |
| Papiamentu / Papiamento | iberisch | Curaçao, Bonaire / Aruba | bon bini | willkommen — Sie lesen es am Flughafen, bevor Sie es hören |
| Papiamentu / Papiamento | iberisch | Curaçao, Bonaire / Aruba | kas / cas | Haus — dasselbe Wort, zwei amtliche Rechtschreibungen |
Wo ist Kreolisch Amtssprache — und wo nicht?¶
Die Antwort trennt Anerkennung von Verbreitung. Haiti ging voran: Erst die Verfassung von 1987 machte Kreyòl zur Amtssprache neben dem Französischen — obwohl es die Erstsprache praktisch der gesamten Bevölkerung ist, während Französisch nur eine kleine, meist städtische Minderheit sicher beherrscht. 2014 nahm die Akademie für Haitianisch-Kreyòl ihre Arbeit auf, wie sie die Verfassung vorgesehen hatte. Dominica und St. Lucia führen Kwéyòl heute neben dem Englischen, und in beiden Ländern gibt es einen kreolischen Festtag im Oktober, an dem Sprache, Tracht und Küche öffentlich gefeiert werden.
Auf Jamaika ist Patwa dagegen keine Amtssprache, sondern die Sprache, die fast alle sprechen und niemand amtlich schreibt. An der Universität der Westindischen Inseln in Mona wurde dafür eine eigene, lautgetreue Schreibweise entwickelt, und 2012 erschien das Neue Testament in jamaikanischer Übersetzung — Arbeit, die zeigt, dass es sich um eine ausbaufähige Sprache handelt und nicht um Umgangston. Praktisch heißt das für Gäste: Man wird auf Englisch angesprochen und hört daneben eine Sprache, die man nicht versteht. Das ist normal und kein Zeichen von Unfreundlichkeit.
Was ist Papiamentu — und warum schreibt Aruba es anders?¶
Die einzige iberisch-basierte Kreolsprache der Karibik und die Alltagssprache von Aruba, Bonaire und Curaçao — zusammen knapp 300.000 Einwohner. Ihr Wortschatz ist überwiegend iberisch, dazu kommen niederländische, englische und westafrikanische Bestandteile. Ob die Grundlage portugiesisch oder spanisch ist, wird seit Jahrzehnten fachlich gestritten: Die eine Lesart führt sie auf ein afroportugiesisches Kreol der westafrikanischen Küste zurück, die andere auf das Spanische der Region. Beide Erklärungen haben Anhänger; wer Ihnen die Frage vor Ort beantwortet, gibt eine Meinung wieder, keinen gesicherten Befund.
Sicher ist der Status. Papiamentu ist Amtssprache, und zwar nicht nur auf dem Papier: Die Regierungsportale von Aruba und Curaçao stehen in Papiamentu und Niederländisch nebeneinander, Zeitungen und Rundfunk arbeiten darin, Kinder lernen darin lesen.

Die beiden Schreibweisen unterscheiden sich allerdings, weil die Inseln sich Ende des 20. Jahrhunderts verschieden entschieden: Curaçao und Bonaire schreiben lautgetreu (kas für Haus, Papiamentu), Aruba herkunftsnah (cas, Papiamento). Dieselbe Sprache, zwei Rechtschreibungen — ein gutes Beispiel dafür, dass Sprachpolitik auch auf kleinen Inseln Politik ist.
Wie verständigt man sich als deutscher Gast?¶
Mit Englisch auf den meisten Inseln, mit Spanisch auf den großen spanischsprachigen und mit Französisch auf den französischen — und beim letzten Punkt liegen deutsche Reisende regelmäßig falsch. Auf Martinique, Guadeloupe und St. Barthélemy ist Englisch deutlich weniger verbreitet, als man es aus anderen Karibikzielen kennt; es sind französische Départements mit französischem Alltag. Auf Kuba und in der Dominikanischen Republik kommt man außerhalb der Hotelanlagen ohne Spanisch nicht weit. Auf den niederländischen Inseln ist Englisch dagegen überall präsent, Deutsch gelegentlich in der Hotellerie.
Ein paar Wörter in der Landessprache öffnen trotzdem Türen. Auf den ABC-Inseln heißt „willkommen“ bon bini — Sie werden es am Flughafen lesen, bevor Sie es hören. Auf Haiti grüßt man mit bonjou am Vormittag und bonswa danach; auf Martinique, Guadeloupe, Dominica und St. Lucia fragt man sa ka fèt?, also sinngemäß „was läuft?“.

Wer welche Insel ansteuert, klärt die Seite Welche Karibikinsel passt zu mir?.
Welche karibischen Wörter stecken im Deutschen?¶
Mehr, als man denkt — und die meisten stammen aus den Sprachen der indigenen Völker, die die Eroberung nicht überstanden haben. Über das Spanische sind aus dem Taíno unter anderem Hängematte (hamaca), Kanu (canoa), Tabak (tabaco), Mais, Savanne und Kazike ins Deutsche gelangt; auch Hurrikan und Barbecue gehören in diese Gruppe. Der Leguan trägt einen Namen derselben Herkunft, der Manati ebenfalls.
Ein Wort dieser Reihe verdient eine Warnung: Kannibale. Es geht auf die Bezeichnung zurück, mit der die Ankommenden 1492 die Bewohner der Kleinen Antillen belegten — und aus derselben Wurzel stammt der Name Karibik selbst. Die Menschen, um die es ging, nennen sich Kalinago, und die Behauptung des Menschenfressens diente dazu, ihre Versklavung zu rechtfertigen. Deshalb schreiben wir auf dieser Seite Kalinago und nicht „Kariben“. Der Zusammenhang steht unter Indigene Völker und die Eroberung. Eine indigene Sprache der Region lebt übrigens weiter, nur nicht mehr hier: Das Garífuna der Nachfahren, die 1797 von St. Vincent nach Mittelamerika deportiert wurden, wurde 2001 von der UNESCO ausgezeichnet und steht seit 2008 auf deren Repräsentativer Liste des immateriellen Kulturerbes. Wie diese Sprachen klingen, wenn sie gesungen werden, zeigt die Seite über die Musik der Antillen; in welchen Sprachen auf dem Bogen gebetet wird, steht unter Religion und Glaube, und welche Insel wann feiert, unter Karneval der Antillen. Den Überblick gibt die Kultur der Antillen.
Quellen und weiterführende Informationen¶
- APiCS Online — Atlas of Pidgin and Creole Language Structures, herausgegeben am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig: strukturelle Beschreibungen von Haitianisch-Kreyòl, Jamaican Creole, Papiamentu und den antillanischen Kreolsprachen
- Regierung von Curaçao und Regierung von Aruba: amtliche Portale in Papiamentu bzw. Papiamento und Niederländisch — der Sprachstatus im praktischen Beleg
- UNESCO — „Language, dance and music of the Garifuna“: 2001 als Meisterwerk proklamiert, 2008 in die Repräsentative Liste übernommen; Herkunft von St. Vincent
- University of the West Indies, Mona — Department of Language, Linguistics and Philosophy: Forschung und Verschriftlichung des Jamaican Patois
- Encyclopaedia Britannica — Creole languages: Überblick zur Entstehung und Einordnung
Quizfrage
Auf St. Lucia und Dominica ist Englisch Amtssprache. Auf welcher europäischen Sprache beruht die Kreolsprache, die dort im Alltag gesprochen wird?
Ein Versuch. Richtig heißt eine Kokosnuss — zehn davon sind eine Piña Colada.