Antillen.de
Antillen.de

Das karibische Paradies

Kultur der Antillen

Religion und Glaube in der Karibik

Eine kleine bunt gestrichene Dorfkirche an einem grünen karibischen Hang unter tiefblauem Himmel.

Auf den Antillen bestehen mehrere afrokaribische Religionen neben Christentum, Hinduismus und Islam: Vodou auf Haiti, Santería auf Kuba, Rastafari auf Jamaika, Obeah und der Glaube der Spiritual Baptists im englischsprachigen Bogen. Sie alle haben heute Gläubige, Priesterinnen und Gemeinden. Diese Seite beschreibt, was sie sind — nicht, was Filme aus ihnen gemacht haben.

TraditionVor allem inHerkunftRechtsstellung heute
VodouHaitiWest- und Zentralafrika, dazu katholische Elementeseit 2003 staatlich als Religion anerkannt
Santería / Regla de OchaKubaYoruba (Lucumí)frei praktiziert
RastafariJamaika, weltweitJamaika, ab 1930sakramentaler Ganja-Gebrauch seit 2015 geregelt
Obeahenglischsprachige Inselnwestafrikanische Heil- und Schutzpraxisin mehreren Staaten weiterhin strafbar
Spiritual BaptistsTrinidad, St. Vincent, Grenadaprotestantisches Christentum und afrikanische RitualeVerbot 1951 aufgehoben, Feiertag seit 1996
Christentumder gesamte BogenKolonialzeitMehrheitsreligion
Hinduismus und IslamTrinidad und Tobagoindische Kontraktarbeit ab 1845eigene gesetzliche Feiertage

Warum steht auf dieser Seite keine Werbung?

Weil hier über den Glauben lebender Menschen geschrieben wird. Ein Reiseangebot neben einem Absatz über eine Zeremonie würde diese Zeremonie zur Sehenswürdigkeit machen, und genau das ist sie nicht. Diese Seite trägt deshalb — wie der ganze Zweig Geschichte der Antillen — weder Anzeigen noch Angebote.

Kaum ein Thema der Region ist zudem so gründlich verzerrt worden wie dieses. Die afrokaribischen Religionen wurden über Jahrhunderte verboten, verfolgt und danach als Gruselstoff vermarktet; das Bild, das die meisten Europäer davon haben, stammt nicht aus der Karibik, sondern aus Büchern und Filmen, die andernorts entstanden sind.

Was ist Vodou — und was ist es nicht?

Eine Religion mit eigener Theologie, eigenen Priesterämtern und Millionen Gläubigen. Der Vodou auf Haiti kennt einen fernen Schöpfergott und daneben die lwa — Geistwesen mit eigenen Zuständigkeiten, Farben, Liedern und Festtagen, die in Zeremonien mit Trommeln, Gesang und Tanz angerufen werden und dabei in Anwesende „einreiten“. Geleitet werden sie von einem oungan oder einer manbo, meist in einem Tempel um einen Mittelpfosten herum. Die meisten Gläubigen verstehen sich zugleich als Katholiken; beides steht nebeneinander, nicht gegeneinander. Der haitianische Staat erkannte Vodou 2003 offiziell als Religion an.

Was Vodou nicht ist: schwarze Magie, Puppen mit Nadeln, Zombies. Diese Vorstellungen sind nicht haitianisch, sondern ein Exportartikel — sie wurden vor allem während der US-Besetzung Haitis zwischen 1915 und 1934 in reißerischen Reiseberichten verbreitet und ab den 1930er Jahren von Hollywood zum Horrorgenre ausgebaut. Sie dienten dazu, eine Bevölkerung, die sich selbst befreit hatte, als unheimlich und regierungsunfähig darzustellen. Historisch war Vodou umgekehrt ein Bindemittel des Widerstands: Die Überlieferung verknüpft den Beginn des Aufstands von 1791 mit einer Zeremonie im Wald von Bois Caïman. Wer heute etwas davon sehen möchte, findet im Juli die öffentliche Wallfahrt zum Wasserfall Saut-d’Eau, an der katholische und Vodou-Gläubige gemeinsam teilnehmen — vorausgesetzt, die Sicherheitslage lässt eine Reise überhaupt zu, was derzeit nicht der Fall ist.

Eine kleine weiß gestrichene Holzkirche mit spitzem Turm steht auf einem grünen Hügel im Sonnenlicht.
Der Bogen ist überwiegend christlich, und die Dorfkirche steht überall. Für die meisten Gläubigen der afrokaribischen Religionen ist das kein Widerspruch: Beides steht nebeneinander, nicht gegeneinander.

Was ist Santería?

Die kubanische Ausprägung der Yoruba-Religion, von ihren Anhängern meist Regla de Ocha oder Lucumí genannt. „Santería“ war ursprünglich eine abschätzige Fremdbezeichnung und ist bis heute nicht die Selbstbezeichnung aller Gläubigen. Im Zentrum stehen die Orishas — Elegguá, Yemayá, Ochún, Changó, Obatalá und weitere —, die über Trommelfeste, Opfergaben und Orakel angesprochen werden. Die Zuordnung einzelner Orishas zu katholischen Heiligen entstand unter dem Druck des Verbots; wie tief diese Verbindung theologisch reicht, ist in der Forschung umstritten.

Sichtbar wird der Glaube auf Kuba an einer Kleinigkeit: Menschen, die von Kopf bis Fuß weiß gekleidet sind. Sie durchlaufen das erste Jahr nach der Initiation — kein Kostüm, sondern eine religiöse Verpflichtung mit einer langen Liste von Regeln.

Eine von hinten aufgenommene Person in vollständig weißer Kleidung mit weißem Kopftuch geht durch eine sonnige Altstadtgasse.
Von Kopf bis Fuß weiß gekleidet: das erste Jahr nach der Initiation in der Regla de Ocha. Kein Kostüm, sondern eine Verpflichtung — und für Gäste kein Fotomotiv.

Zwei weitere afrokubanische Traditionen haben eigenen Ursprung und werden dennoch oft mit ihr verwechselt: Palo Monte geht auf zentralafrikanische Herkunft zurück, die Männerbünde der Abakuá auf das Kalabar-Gebiet im heutigen Nigeria und Kamerun. Warum diese Traditionen gerade auf Kuba so stark sind, hängt damit zusammen, dass die Insel den Sklavenhandel am längsten fortsetzte.

Ist Rastafari eine Religion?

Ja — und zwar eine, die auf Jamaika entstanden ist, nicht in Afrika. Sie bildete sich in den frühen 1930er Jahren heraus, nachdem Ras Tafari Makonnen 1930 als Haile Selassie I. zum Kaiser von Äthiopien gekrönt worden war; die panafrikanischen Ideen Marcus Garveys bereiteten den Boden. Aus dieser Bewegung gingen mehrere „Häuser“ mit unterschiedlicher Ausrichtung hervor, darunter Nyabinghi, Bobo Shanti und die Twelve Tribes of Israel. Zur Praxis gehören die Ital genannte Ernährungsweise, das Tragen ungeschnittener Locks, das Trommeln und das gemeinsame Erörtern von Schrift und Gegenwart. Wichtig für den Umgangston: Es heißt Rastafari, nicht „Rastafarianismus“ — die Endung wird als aufgesetztes Etikett abgelehnt.

Die Bewegung wurde lange verfolgt. Am 11. und 12. April 1963 kam es bei Coral Gardens nahe Montego Bay zu Gewalt gegen Rastafari, die Jamaikas Regierung viele Jahre nicht aufarbeitete; erst 2017 entschuldigte sich der Premierminister öffentlich und richtete einen Treuhandfonds für die Betroffenen ein. Rechtlich geändert hat sich 2015 etwas anderes: Das geänderte Betäubungsmittelgesetz erlaubt Angehörigen des Rastafari-Glaubens den sakramentalen Gebrauch von Ganja in eingetragenen Gebetsstätten und lässt sie Anbau zu religiösen Zwecken beantragen. Für Reisende ist das kein Freibrief: Besitz bleibt außerhalb dieser Regelung eine Ordnungswidrigkeit mit Geldbuße, größere Mengen bleiben strafbar, und das Rauchen in der Öffentlichkeit ist untersagt.

Was bedeutet Obeah — und warum war es verboten?

Obeah ist keine Kirche, sondern eine Praxis: Eine einzelne kundige Person arbeitet für einen einzelnen Klienten — zum Heilen, zum Schützen, zur Abwehr, mitunter auch zum Schaden. Es gibt keine Gemeinde, keine Liturgie und keinen Festkalender. Die Herkunft des Wortes wird meist auf westafrikanische Sprachen zurückgeführt, ist aber ungeklärt. Verbreitet ist die Praxis im gesamten englischsprachigen Bogen, von Barbados bis Jamaika.

Verboten wurde Obeah, weil die Kolonialverwaltungen darin eine Gefahr sahen. Jamaika erließ das erste Gesetz 1760, unmittelbar nach einem großen Sklavenaufstand, und schärfte es 1898 nach; Grenada folgte 1825, Trinidad 1868, die Leeward Islands 1904. Die Forschungsdatenbank Obeah Histories der Historikerin Diana Paton an der Universität Newcastle dokumentiert diese Gesetze im Wortlaut. Entscheidend ist der Zusammenhang: Bestraft wurde nicht Betrug, sondern eine Autorität außerhalb der Kontrolle der Kolonialmacht. Und diese Gesetze sind Geschichte mit Nachleben — in mehreren Staaten der Region steht Obeah bis heute im Strafgesetz. Als Gast sollte man das Wort deshalb nicht scherzhaft verwenden: Es ist vielerorts ein Vorwurf, kein Folklorebegriff.

Wer sind die Spiritual Baptists?

Eine eigenständige, in Trinidad und Tobago entstandene Religion, die protestantisches Christentum mit afrikanischen Ritualen verbindet. Die Nationalbibliothek des Landes nennt vier Herleitungen nebeneinander: westafrikanische und britische Wurzeln, die Baptistengemeinden ehemals versklavter amerikanischer Soldaten, die 1797 im Süden Trinidads angesiedelt wurden, und die Zuwanderung der „Shakers“ aus St. Vincent. Zentral ist das Mourning: ein mehrtägiger Rückzug mit Fasten, Gebet, verbundenen Augen und Schlaf auf der bloßen Erde, aus dem der Gläubige mit Visionen und geistlicher Einsicht zurückkehrt. Glocken, Kerzen und farbige Fahnen gehören zum Gottesdienst.

Der Name „Shouter“ war ursprünglich ein Spottwort der Mehrheitsgesellschaft. Am 16. November 1917 verbot die Kolonialverwaltung den Glauben durch die Shouters Prohibition Ordinance: Versammlungshäuser waren untersagt, die Polizei durfte ohne Durchsuchungsbefehl eintreten, Gläubige wurden verhaftet und geschlagen und wichen in die Wälder aus. Vierunddreißig Jahre später, am 30. März 1951, wurde das Verbot aufgehoben — nach einer langen Kampagne unter Elton George Griffith. Seit 1996 ist dieser Tag in Trinidad und Tobago ein gesetzlicher Feiertag.

Welche Religionen prägen die Antillen sonst?

Der Bogen ist überwiegend christlich: katholisch auf den spanisch- und französischsprachigen Inseln, auf den englischsprachigen anglikanisch, methodistisch, herrnhutisch und zunehmend pfingstkirchlich. Auf Jamaika stehen daneben die aus Zentralafrika stammende Kumina und die Revival-Kirchen. In Trinidad und Tobago prägt eine zweite Einwanderung das Bild: Ab 1845 kamen Kontraktarbeiter aus Indien, mit ihnen Hinduismus und Islam. Divali und das Fastenbrechen sind dort gesetzliche Feiertage; im Hafenviertel St. James ziehen jedes Jahr die Hosay-Prozessionen, die schiitische Trauer um den Prophetenenkel Hussein, durch die Straßen. Auch sie wurden koloniale Zielscheibe: 1884 schoss die Polizei in San Fernando in einen Hosay-Zug.

Hohe Bambusstangen mit farbigen Wimpeln stehen im Vorgarten eines Hauses, dahinter grüne Vegetation.
Bunte Wimpel an Bambusstangen im Vorgarten: Auf Trinidad markieren sie ein hinduistisches Haus, in dem eine Puja abgehalten wurde — die sichtbarste Spur der Einwanderung ab 1845.

Älter als all das ist die jüdische Präsenz. Die Gemeinde Mikvé Israel-Emanuel in Willemstad auf Curaçao nutzt ihre Synagoge von 1732 ununterbrochen — mit Sand auf dem Boden, wie in den Synagogen der iberischen Verfolgungszeit. In Bridgetown auf Barbados steht mit Nidhe Israel eine ähnlich alte Gründung; beide Bauten kommen auf der Seite über Architektur und Farben wieder vor.

Ockergelbe Mauern und Rundbogenfenster eines alten Synagogenhofes unter blauem Himmel.
Mikvé Israel-Emanuel in Willemstad, 1732 geweiht: die älteste durchgehend genutzte Synagoge Amerikas — mit Sand auf dem Boden, wie in den Synagogen der iberischen Verfolgungszeit.

Wann diese Traditionen öffentlich sichtbar werden, ist im Kalender festgeschrieben:

TagWoWofür er steht
30. März — Spiritual Baptist Liberation DayTrinidad und TobagoAufhebung des Verbots 1951; gesetzlicher Feiertag seit 1996
DivaliTrinidad und Tobagohinduistisches Lichterfest, gesetzlicher Feiertag — eine Folge der Kontraktarbeit ab 1845
Fastenbrechen am Ende des RamadanTrinidad und Tobagogesetzlicher Feiertag
Hosay, im Monat MuharramSt. James und weitere Orte auf Trinidadschiitische Trauerprozessionen um den Prophetenenkel Hussein
Wallfahrt nach Saut-d’Eau, im JuliHaitikatholische und Vodou-Gläubige pilgern gemeinsam zum Wasserfall
1. August — Emanzipationstagenglischsprachiger BogenJahrestag der Freiheit 1838; der Ursprung der Sommerfeste, siehe Karneval

Wie verhält man sich als Gast bei einer Zeremonie?

Wie in einem Gottesdienst, nicht wie im Publikum:

  • Nicht fotografieren oder filmen, solange es nicht ausdrücklich erlaubt wurde — und ein Nein nicht als Verhandlungsangebot verstehen.
  • Fragen, ob Gäste willkommen sind. Manche Zeremonien sind öffentlich, viele nicht. Wer die Frage nicht stellen kann, weil er niemanden kennt, ist nicht eingeladen.
  • Angebotene „Zeremonien“ an der Hotelrezeption sind in aller Regel Vorführungen — in Ordnung, solange man beides nicht verwechselt.
  • Zurückhaltend kleiden, in vielen Gemeinden bedecken Frauen den Kopf; im Umfeld der Santería ist Weiß üblich.
  • Keine Souvenirs kaufen, die es gar nicht gibt. Die „Voodoo-Puppe“ ist kein haitianischer Gegenstand.
  • Locks nicht anfassen und nicht davon ausgehen, dass Rastafari Fremden gegenüber über ihren Glauben Auskunft geben möchten.

Wer sich einliest, kommt weiter als jeder Ausflug. Den historischen Unterbau liefert Sklaverei und Emanzipation, den Klang dieser Traditionen die Musik der Antillen und ihre Sprachen die Seite über die Sprachen der Antillen. Den Überblick gibt die Kultur der Antillen.

Quellen und weiterführende Informationen

Quizfrage

Der Glaube der Spiritual Baptists war in Trinidad und Tobago per Gesetz verboten. Bis wann?

Ein Versuch. Richtig heißt eine Kokosnuss — zehn davon sind eine Piña Colada.