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Das karibische Paradies

Geschichte der Antillen

Indigene Völker und die Eroberung

In einen dunklen Felsblock am Flussufer gepickt: ein rundes Gesicht mit großen Augen und konzentrische Kreise.
Gesicht und konzentrische Kreise gehören zu den überlieferten Motiven karibischer Felskunst.

Die Antillen waren besiedelt, lange bevor das erste europäische Schiff sie erreichte. Seit Jahrtausenden bauten hier Menschen Dörfer, legten Felder an und navigierten über offenes Meer. Was nach 1492 mit ihnen geschah, erklärt die Region besser als vieles, was danach kam.

Welche Völker lebten vor 1492 auf dem Inselbogen?

Die Taíno bewohnten die Großen Antillen — Kuba, Hispaniola, Jamaika, Puerto Rico. Ihre Sprache gehörte zur Arawak-Familie vom südamerikanischen Festland; besiedelt wurde der Inselbogen über Jahrhunderte von Süden nach Norden. Sie lebten in Dörfern um einen zentralen Platz, geführt von einem Cacique, und betrieben Hügelbeetanbau: Maniok (Cassava), Süßkartoffel, Mais, dazu Baumwolle und Tabak. Bitterer Maniok ist roh giftig und muss aufwendig entgiftet werden; das Kassavebrot daraus gibt es bis heute. Auf steingefassten Plätzen, den bateyes, spielten sie ein Ballspiel mit Kautschukball — die Anlage von Caguana in Puerto Rico lässt sich besichtigen.

Auf den Kleinen Antillen lebten die Kalinago — so nennen sie sich selbst. „Kariben“ und „Island Caribs“ sind europäische Fremdbezeichnungen; aus der spanischen Wiedergabe dieses Namens entstand auch das Wort „Kannibale“ — eine Zuschreibung, die als Rechtfertigung diente, Kalinago zu versklaven, und die unter Historikern umstritten ist. Überliefert ist auch anderes: Sie waren ausgezeichnete Seefahrer, deren Einbäume ganze Inselgruppen verbanden.

Im Westen Kubas lebten die Guanahatabey, über die am wenigsten bekannt ist: offenbar ohne Ackerbau, von Fischfang und Sammeln.

Welche Wörter aus der Sprache der Taíno benutzen wir heute?

Aus dem Taíno kamen über das Spanische ins Deutsche:

  • Kanu (Taíno canoa) und Hängematte (hamaca)
  • Hurrikan (huracán) und Tabak (tabaco)
  • Barbecue (barbacoa, ursprünglich das Holzgestell über dem Feuer)
  • dazu Mais, Savanne und Kazike

Was geschah in den ersten Jahren nach 1492?

Am 12. Oktober 1492 ging Christoph Kolumbus auf einer Insel an Land, die ihre Bewohner Guanahaní nannten; welche der Bahamasinseln es war, ist strittig. Noch im selben Jahr erreichte er Kuba und Hispaniola. Aus dem Wrack der Santa María entstand La Navidad; bei Kolumbus’ Rückkehr 1493 war sie zerstört. 1496 folgte Santo Domingo im Gebiet der heutigen Dominikanischen Republik.

Was war die Encomienda?

Das Instrument, das die Eroberung in Verwaltung überführte, hieß Encomienda. Einem Spanier wurde eine Gruppe von Menschen „anvertraut“: Er schuldete ihnen Unterweisung im Glauben und Schutz, ihm standen Arbeitskraft und Abgaben zu. Juristisch war das kein Eigentum an Menschen, in der Praxis Zwangsarbeit: Goldwäsche in den Flüssen des Cibao, später Feldarbeit und Perlenfischerei. Wer monatelang in den Minen stand, konnte nicht pflanzen: Der Anbauzyklus brach zusammen, mit ihm die Ernährungsgrundlage ganzer Dörfer.

Wie viele Menschen starben, und warum steht hier keine Zahl?

Über das Ausmaß des Bevölkerungsverlusts streitet die Forschung bis heute. Allein für Hispaniola reichen die veröffentlichten Schätzungen für 1492 von rund hunderttausend (Ángel Rosenblat) bis zu acht Millionen (Sherburne F. Cook und Woodrow Borah). Solche Spannen entstehen, weil die zeitgenössischen Angaben unzuverlässig sind und die Hochrechnungen auf unterschiedlichen Annahmen beruhen. Wir nennen deshalb keine Zahl.

Unstrittig sind die Mechanismen, und sie wirkten zusammen: eingeschleppte Krankheiten, gegen die keine Immunität bestand — die erste sicher dokumentierte Pockenepidemie auf Hispaniola fällt in den Winter 1518/19; Zwangsarbeit und Unterernährung, die die Widerstandskraft gegen ebendiese Krankheiten senkten; Gewalt in Straf- und Kriegszügen; und die Zerstörung der sozialen Ordnung — Entmachtung der Caciques, Trennung von Familien, Verschleppung —, in deren Folge die Geburtenzahlen einbrachen. Die eingeschleppten Erreger waren dabei die tödlichste Seite des Kolumbianischen Austauschs, des Transfers von Pflanzen, Tieren und Krankheiten, der nach 1492 einsetzte.

Binnen weniger Jahrzehnte hatte die Gesellschaft der Taíno als politische Ordnung aufgehört zu bestehen. Spurlos verschwunden sind die Menschen nicht: Genetische Untersuchungen weisen indigene Abstammungslinien in Puerto Rico und der Dominikanischen Republik bis heute nach.

Wie zuverlässig ist Bartolomé de las Casas als Quelle?

Die zentrale zeitgenössische Quelle ist Bartolomé de las Casas. Er kam als junger Siedler nach Hispaniola und war selbst Encomendero: Er profitierte von dem System, das er später anklagte. 1514 gab er seine Encomienda auf, trat den Dominikanern bei und blieb Anwalt der indigenen Bevölkerung. Seine Brevísima relación de la destrucción de las Indias, 1552 in Sevilla gedruckt, ist eine Anklageschrift, kein Protokoll: rhetorisch zugespitzt, in den Zahlen polemisch, von Spaniens Konkurrenzmächten für Propaganda benutzt. Als Beleg für die Mechanismen bleibt sie unersetzlich. Zu seiner Ehrlichkeit gehört, dass er zeitweise vorschlug, afrikanische Arbeitskräfte einzuführen — und dies später ausdrücklich bereute.

Änderten die spanischen Schutzgesetze etwas?

Die Krone reagierte: Die Leyes de Burgos von 1512 regelten Arbeitszeiten, Unterkunft und Verpflegung, die Leyes Nuevas von 1542 verboten neue Encomiendas und deren Vererbung. Beide scheiterten an der Durchsetzung — die Kolonisten widersetzten sich, zentrale Bestimmungen wurden binnen weniger Jahre zurückgenommen.

Warum konnten sich die Kalinago länger behaupten?

Auf den steilen Vulkaninseln der Windward Islands gab es kein Gold und kaum ebenes Land. Das verschaffte ihnen Zeit. Generationenlang wehrten sie Landungsversuche ab; 1660 erkannten England und Frankreich Dominica und St. Vincent vertraglich als ihr Gebiet an. Erst 1763 fielen die Inseln an Großbritannien, und erst zwei Kriege auf St. Vincent, 1769 bis 1773 und 1795 bis 1797, brachen den Widerstand. Danach deportierten die Briten 1797 mehrere Tausend Garifuna nach Roatán vor Honduras — von ihnen stammen die Garifuna-Gemeinden Mittelamerikas ab.

Ihre Nachfahren leben heute dort, wo ihre Vorfahren standhielten: An Dominicas Ostküste liegt das Kalinago Territory, 1903 förmlich abgegrenzt, mit gewähltem Chief und rund dreitausend Einwohnern — keine Kulisse, sondern eine Gemeinde.

Warum steht diese Geschichte auf einer Reiseseite?

Diese Geschichte ist keine Dekoration für einen Urlaub. Aber sie erklärt, warum auf den Großen Antillen Spanisch gesprochen wird und warum eine indigene Gemeinde heute auf den Kleinen Antillen lebt und nicht auf den Großen. Und sie erklärt, warum die Geschichte der Antillen so weitergeht: mit Zuckerrohr, mit dem atlantischen Sklavenhandel und mit der Sklaverei.

Quellen und weiterführende Informationen

  • Bundeszentrale für politische Bildung — Dossiers zu Kolonialismus und europäischer Expansion
  • Encyclopaedia Britannica — Einträge zu Taíno, Kalinago und Bartolomé de las Casas
  • Bartolomé de las Casas, Brevísima relación de la destrucción de las Indias, Sevilla 1552 — die zentrale zeitgenössische Quelle, als Anklageschrift zu lesen
  • Ángel Rosenblat, La población de América en 1492, 1967 — die niedrigen Schätzungen
  • Sherburne F. Cook und Woodrow Borah, Essays in Population History, Band 1, 1971 — die hohen Schätzungen

Quizfrage

Warum konnten sich die Kalinago auf den Kleinen Antillen sehr viel länger behaupten als die Taíno auf den Großen?

Ein Versuch. Richtig heißt eine Kokosnuss — zehn davon sind eine Piña Colada.